
Medizinisch geprüft von Martina Ehmen (Medical Advisor)
Veröffentlicht am 15. Februar 2026
Man hört und liest vieles über „bioidentische Hormone“. Aber was genau ist damit eigentlich gemeint? Welchen Zweck haben bioidentische Hormone? Wie wirksam sind sie? Kann man sie bedenkenlos anwenden? Antworten auf diese und weitere Fragen findest du hier.
Was sind bioidentische Hormone?
Als bioidentisch oder auch körperidentisch werden Hormone bezeichnet, die chemisch die gleiche Molekülstruktur haben wie Hormone im menschlichen Körper. Sie passen genau zu den jeweiligen Rezeptoren im Körper und entfalten dieselben Wirkungen. Bioidentische Hormone werden ausgehend von pflanzlichen Vorstufen aus der Yamswurzel oder Sojabohne hergestellt. Die Stoffe Diosgenin aus der Yamswurzel sowie Stigmasterin aus Soja werden dabei im Rahmen der Herstellung schrittweise zu Estradiol bzw. Progesteron umgewandelt.
Im Gegensatz dazu weicht bei den sogenannten synthetischen Hormonen die chemische Struktur von der, der körpereigenen Hormone ab. Sie sind in ihren Strukturformeln den körpereigenen Hormonen ähnlich, aber nicht identisch. Bioverfügbarkeit und Wirkung auf verschiedene Steroidrezeptoren sind unterschiedlich. Dadurch gibt es durchaus Unterschiede bei den gewünschten Wirkungen als auch bei möglichen unerwünschten Wirkungen, also den Nebenwirkungen.
Welche Vorteile hat eine Therapie mit bioidentischen Hormonen?
Bei einer bioidentischen HRT (teilweise auch naturidentische oder natürliche HRT genannt) werden Hormone verwendet, die chemisch die gleiche Molekülstruktur haben wie die des menschlichen Körpers. Aufgrund dieser Eigenschaften gelten bioidentische Hormone als besonders nebenwirkungsarm. Die Wirksamkeit für zugelassene bioidentische Präparate ist in Studien belegt.
Wie werden bioidentische Hormone angewendet?
Die Anwendung von bioidentischem Estradiol kann je nach Art der Beschwerden und aufgrund individueller Faktoren oral in Tablettenform, transdermal (über die Haut) als Gel, Spray oder Pflaster erfolgen. Bei der vaginalen Anwendung in Form von Ovula (Vaginalzäpfchen) oder einer Vaginalcreme ist der Wirkstoff meist bioidentisches Estriol.
Bioidentisches Progesteron steht nur in From von Weichkapseln zur oralen Einnahme zur Verfügung, weil eine transdermale Anwendung keinen ausreichenden Gebärmutterschleimhautschutz liefert.
Bei der transdermalen Anwendung gelangt Estradiol nach dem Auftragen auf die Haut zunächst in das Stratum corneum (Hornschicht) und bildet dort ein „Depot“. Von dort aus wird das Estradiol kontinuierlich und direkt in den systemischen Blutkreislauf abgegeben, so wie es auch bei der körpereigenen Estradiol-Produktion in den Eierstöcken geschieht. Eine Verstoffwechselung in der Leber, auch „First-Pass-Effekt genannt“, findet bei transdermaler Applikation nicht statt.
Bei der oralen Anwendung gelangt hingegen nur ein kleiner Anteil des zugeführten Estradiols in den systemischen Blutkreislauf. Der Großteil des Estradiols wird zuvor in der Leber zu verschiedenen anderen Stoffen umgewandelt bzw. abgebaut (ausgeprägter First-Pass-Effekt). Somit wird die Leber zusätzlich belastet, was zu unerwünschten Wirkungen führen kann, z. B. zu einem erhöhten Thromboserisiko aufgrund der vermehrten Bildung von Gerinnungsfaktoren.
Progesteron als Bestandteil einer HRT ist nur zur oralen Anwendung in Form von Kapseln zugelassen. Bei transdermaler Anwendung werden keine ausreichend hohen Wirkspiegel erreicht, um die Gebärmutterschleimhaut zu schützen.
Welche bioidentischen Hormone gibt es?
Es gibt eine ganze Reihe an bioidentischen Hormonen. Für die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden spielen zwei Östrogene, 17β-Estradiol (E2) und Estriol (E3), sowie Progesteron eine wichtige Rolle. Östrogene und Progesteron können aus Sojabohnen und der Yamswurzel gewonnen werden.
Wie werden bioidentische Hormone hergestellt?
Der Pflanzenstoff bzw. das Pflanzensterin Diosgenin dient als Basis für die Herstellung von bioidentischem Estradiol und Progesteron. Er findet sich in größeren Mengen in der Yamswurzel. Auch die Sojabohne enthält ein Pflanzensterin (Stigmasterin), das zu bioidentischen Hormonen umgewandelt werden kann. Da der menschliche Körper Diosgenin oder Stigmasterin nicht selbstständig in Estradiol und Progesteron umbauen kann, erfolgt dies im Rahmen der Herstellung in verschiedenen Schritten.
Bei verschreibungspflichtigen bioidentischen Hormonpräparaten sprechen wir über eine standardisierte Herstellung, die eine gleichbleibende Qualität verspricht. Sie wird unter strengen Qualitätskontrollen durchgeführt. Außerdem müssen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Präparate vor einer offiziellen Zulassung durch die EMA (European Medicines Agency, Europäische Arzneimittel-Agentur) oder auch FDA (U.S. Food and Drug Administration, amerikanische Zulassungsbehörde) durch wissenschaftliche Studien belegt werden.
Warum werden bioidentische Hormone verwendet?
Im Verlauf der Wechseljahre verschlechtert sich die Funktion der Eierstöcke, die Bildung der körpereigenen Hormone Estradiol und Progesteron nimmt ab. So kann es zu einem Missverhältnis der Hormone kommen. Die sinkenden Hormonspiegel können zu verschiedenen Symptomen sowie zu Beschwerden führen, die stark belastend sein und die Lebensqualität einschränken können. Das Hormondefizit kann durch Zuführung von bioidentischem (= körperidentischem) Estradiol und Progesteron ausgeglichen werden. Die Beschwerden werden dann in der Regel deutlich gelindert.
Für Frauen mit Gebärmutter gilt eine Östrogen-Gestagen-Therapie (auch kombinierte Hormonersatztherapie (HRT) genannt) als wirksamste Option zur Linderung von Beschwerden, wie beispielsweise Hitzewallungen und nächtlichen Schweißausbrüchen. Frauen ohne Gebärmutter können eine Östrogen-Monotherapie anwenden. Dies ist durch wissenschaftliche Studien gut untersucht. Dem weiblichen Körper werden dabei jene Hormone bzw. ähnliche synthetische Hormone zugeführt, die er selbst nicht mehr ausreichend produzieren kann: ein Östrogen (z. B. Estradiol), sowie bei Frauen mit Gebärmutter ein Gestagen (z. B. Progesteron).
Frauen mit östrogenmangelbedingter Scheidentrockenheit können auch vaginale Östrogenpräparate, z. B. Vaginalzäpfchen oder eine Vaginalcreme mit Estriol (ebenfalls bioidentisch), anwenden. Diese Art der Behandlung wird auch lokale HRT genannt, weil sie nahezu ausschließlich nur dort wirkt, wo die Beschwerden auftreten – in der Scheide. Diese Behandlungsform ist sehr risikoarm, weil sie sehr niedrig bis niedrig dosiert ist und nur wenig Estriol in den Blutkreislauf gelangt.
In Bezug auf systemische HRT-Varianten (wirken im ganzen Körper, nicht nur lokal) weist die transdermale HRT ein besonders günstiges Sicherheitsprofil auf, beispielsweise mit einem Estradiol-haltigen Dosiergel, Spray oder mit Pflastern. Der Wirkstoff wird dabei über die Haut aufgenommen und gelangt von dort aus direkt in den Blutkreislauf. Somit wird das Estradiol nicht in der Leber verstoffwechselt (kein First-Pass-Effekt), wie es bei einer oralen HRT mit Tabletten der Fall ist. Der Stoffwechsel wird damit weniger belastet, das Risiko für Nebenwirkungen wird reduziert.


